Von Caen nach Waldkirch

Caen – Dunkerque

Montag, 17. August, bis Donnerstag, 20. August 2009; 466 km

Heute bin ich schon um 7:00h aufgestanden und um 9:00h auf dem Rad. Der Himmel ist, wie in den Tagen zuvor, zunächst stark bewölkt und der Wind kommt, zu meiner Freunde, hauptsächlich aus Westen. Bis Le Havre gilt es kräftige Ansteige zu bewältigen. An einem solchen kommt es zu einem Kräftemessen. Ich habe bereits ein Drittel der Steigung erklommen, da tauchen hinter mir zwei Rennradfahrer auf, die es darauf anlegen, mich vor dem höchsten Punkt noch zu überholen. Ich versuche mich nach besten Kräften zu wehren und trete kräftig in die Pedale. Das Überholmanöver macht den Rennradfahrern zusehends große Mühe. Der Vordere überholt mich noch relativ locker, der Zweite hat aber große Mühe mich vor dem Gipfel gerade noch zu erreichen. Für mich, mit dem schweren Gepäck, ist das ein Erfolgserlebnis, das ich genieße.

Vor Le Havre ist eine riesige Autobahnbrücke über die Seine zu überqueren. Der Radweg auf der Brücke ist lediglich durch einen weißen Strich von der Fahrspur für Autos getrennt. Zusammen mit dem starken Wind auf der Brücke ein gefährliches Gemisch. Ich bin erleichtert, nachdem ich wieder festen Boden unter den Füßen habe.

Auf der anderen Seite der Brücke erstreckt sich ein tristes Industriegebiet mit riesigen Ausmaßen, das ich durchqueren muss. Le Havre selbst entschädigt wieder etwas. Die Stadt macht einen weitaus attraktiveren Eindruck als die bisherigen großen Hafenstädte, die ich gesehen habe. Einen besonderen Service bietet der Flughafen. Dort finde ich ein sauberes und geräumiges WC, wie schon lange nicht mehr. Die vielen Steigungen zeigen dann aber am frühen Nachmittag Wirkung. Daher baue ich auf dem nächsten Campingplatz in Saint-Jouin-Bruneval mein Zelt auf. Mir bleibt noch reichlich Zeit am Abend und ich radle, trotz des Höhenunterschieds von rund 100 m, an die malerische Küste.

Am nächsten Tag fahre ich an der Küstenstraße entlang und muss häufig an den Strand hinunter und dann wieder 80-100m hinauf auf die Hochebene. Dort ist es dann aber flach. Zwei Ansteige waren so steil, dass sie mit äußerster Anstrengung gerade noch zu befahren waren. Eine Alternative wäre eine weiter vom Strand entfernte Straße, die nur auf der Ebene verläuft. Die ist aber kerzengerade und entsprechend langweilig, ich bleibe auf der Küstenstraße. Das Wetter wird immer besser. Jetzt ist es auch schon morgens sonnig und wird dann später ganz schön schwül. Mein Etappenziel heute ist der Campingplätze in Pourville-sur-Mer.

Der nächste Tag verläuft zunächst genauso wie der letzte. Am Nachmittag sind dann die Steigungen wie weggeblasen. Das wurde auch Zeit, ich bin ganz schön zermürbt und habe immer mehr Heißhunger auf Milchprodukte, vielleicht wegen Kalziummangel. Dem Drängen gebe ich nach.
Das Wetter ist herrlich, den ganzen Tag Sonne und etwas Schwüle. Auf dem Campingplatz in Stella-Plage ist die Annäherung an Belgien und die Niederlande zu bemerken. Seit vielen Übernachtungen erstmals wieder reglementiertes Duschen mit Duschmünzen, noch in einer moderaten Variante: der Übernachtungspreis beinhaltet gleich 2 davon mit jeweils 3 minütigem Wasserfluss.

Landschaftlich ist der nächste Tag eindeutig der Höhepunkt der gesamten Tour. Kurz nach Stella Plage hat es wieder, zum Teil auch starke, Steigungen, vor Calais sogar Serpentinen. Dafür entschädigt eine herrliche Dünenlandschaft und eine traumhafte Abfahrt nach Calais. Und zu den vielen Abwechslungen gesellt sich noch ein starker Rückenwind, der mich locker auf dem flachen Stück vor Calais eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h erreichen lässt. Geplant war, in Calais die Küste zu verlassen und landeinwärts zu radeln. Die Tourist-Information empfiehlt mir jedoch nach Dunkerque weiter zu radeln und erst dort abzubiegen. Da sie mir auch noch einen vom Routenplaner erstellten Papierpacken der Route in die Hand drücken, folge ich dem Rat(d)schlag.

Auf dem Campingplatz in Dunkerque komme ich erst gegen 20:00h an. Anmelden muss ich mich bei der Security, die dort um diese Zeit Dienst hat. Ich habe mit dem Aufbauen des Zeltes noch nicht richtig begonnen, da gibt es bereits Streit. Ein Mann ist sehr schnell mit seinem Auto zu seinem Zelt gefahren. Das stört eine Familie mit Kindern, die sich zunächst nur verbal beschwert. Der Schnellfahrer gibt eine offensichtlich provozierende Antwort zurück. Das veranlasst den Familienvater sein Messer zu zücken. Der Schnellfahrer wiederum droht jetzt mit seinem beachtlich langen Fahrtenmesser. Den herumstehenden Kindern werden schon die Augen zugehalten und die umliegenden Camper, einschließlich mir, gaffen. Die Security ist aber schnell zur Stelle und verweist den Mann mit dem Auto vom Zeltplatz. Während der Nachtruhe im Zelt fühle ich mich durch die Security gut beschützt.


Dunkerque – Lux­em­burg

Freitag, 21. August, bis Dienstag, 25. August 2009; 480 km

Die Nacht auf dem Campingplatz in Dunkerque verläuft, dank der Security, ganz ruhig.

Am nächsten Tag ist die Grenze nach Belgien schnell erreicht und nach wenigen Kilometern wirkt alles aufgeräumter, bunter und sauberer. Die kleinen Städtchen, die ich durchfahre, präsentieren eine herrlich harmonische Bausubstanz, die alten Häuser sind, teilweise aufwändig, renoviert und das Stadtleben macht einen ruhigen, gutbürgerlichen Eindruck. Auch ist man immer zu einem Späßchen aufgelegt, das habe ich wochenlang vermisst. In den Regionen hier leben offenbar sehr unterschiedliche Mentalitäten nah beieinander. Im Bezug auf Infrastruktur gibt es allerdings für mich eine gravierende Verschlechterung: Es sind kaum Campingplätze zu finden. Der Erste, der so in etwa auf meiner Strecke liegt, ist in Bachte-Maria-Leerne bei Deinze.

Es dauert am nächsten Tag nicht lange bis wieder kurze kräftige Steigungen auftauchen, ich muss langsam fahren. Bald ist Brüssel erreicht. Um die Innenstadt scheint ein Ring mit überwiegend arabisch stämmigen Bewohnern zu liegen. Sehr beeindruckend ist der Marktplatz. Da steht Prachtbau an Prachtbau, ähnlich wie in Prag, das allerdings für mich noch eindrucksvoller war. Beim Manneken Pis bin ich auch vorbeigekommen. Das scheinen einige doch sehr wörtlich zu nehmen, jedenfalls roch es deutlich. Überraschenderweise kann die Tourist-Information in Brüssel keine Auskünfte über Radwege oder umliegende Campingplätze geben da dort angeblich nur Information zu Brüssel selbst vorliegen. Ich kann dann doch den Campingplatz in Beersel, kurz nach Brüssel, ausfindig machen.

Durch Belgien radle ich nun schon zwei Tage. Ganz Belgien scheint ein großes Hufendorf zu sein. Fast alle Grundstücke, an denen ich vorbeifahre, sind mehr oder weniger mit Häusern bebaut. Dazwischen dann ein paar Städte. Trotz der Dichte lässt die Beschilderung zu wünschen übrig. Zwar sind Radwege ausgeschildert, vielfach fehlen aber Wegweiser oder Schilder mit Straßennummern, so dass die Orientierung schwierig wird.

Belgien ist am Sonntag eine Servicewüste. Fast alles ist geschlossen, selbst die Tankstellen, da bedienen nur die Automaten. Zum Glück habe ich einen McDonald‘s gefunden. Zusammen mit dem Essen, das ich mir am Vortag gekauft habe, bin ich satt geworden. Die Fahrt nach Namur ist schwierig. Der starke Gegenwind und die Auf und Ab drücken das Durchschnittstempo auf nur 13,9 km/h. Ein Lichtblick ist die Stadt Namur und die folgende Fahrt entlang der Meuse, beides sind wirklich attraktive Sehenswürdigkeiten. Auch der Service der Tourist-Information in Namur ist vorbildlich. Dort erhalte ich Prospekte mit Radtouren bis nach Luxemburg und auch Informationen zu den nächsten Campingplätzen. Ich übernachte an den Ufern der Meuse in Godinne.

Dann kommt es hart, der nächste Tag ist der anstrengendste der ganzen Tour. Die Steigungen beginnen ab Dinant und sie sind, bis auf das Teilstück der stillgelegten Eisenbahnstrecke von Houyet nach Rochefort, gnadenlos. Bis zum Nachmittag kommt noch die pralle Sonne hinzu, es wird sehr heiß, später dann unangenehm schwül. Zum Glück kann ich weite Strecken im Schatten von Bäumen fahren. Ich bin ja in den Ardennen.

Hier lernt man Geduld. Das Bergfahren ist mit meinem Gepäck zwar möglich, so etwa ab 10% Steigung sinkt aber die Geschwindigkeit auf ein Minimum. Umgefallen bin ich nicht, der Tagesdurchschnitt sinkt aber auf 12,6 km/h.

Der Campingplatz in St. Hubert liegt etwas außerhalb und mitten im Wald. Ich bin hier der einzige mit Zelt und weitab vom Gebäude des Betreibers, auf einer Lichtung, mitten im Wald. Vereinzelt liegen ringsum Dauercampingplätze, allerdings ist nicht ein einziger Camper da. Nachts herrscht, bis auf die im Wald üblichen Geräusche, absolute Stille. Mitten in der Nacht wache ich auf, da ein Unwetter mit Regengüssen, Blitz und Donner sich ankündigt. Es gießt aus allen Kübeln und furchtbar laute Donnerschläge gehen nieder. Glücklicherweise bleibt im Zelt alles trocken. Ich habe den Rest der Nacht erstaunlicherweise sehr erholsam geschlafen. Das Zelt muss ich am nächsten Morgen wieder einmal klatschnass abbauen und einpacken, da auf der Waldlichtung nichts trocknet.

Die Grenze zwischen Belgien und Luxemburg ist kaum zu erkennen, es werden lediglich die Straßenverhältnisse besser und die Steigungen moderater. Wie in Belgien wird auch in Luxemburg für die Campingplätze keine Werbung auf den Straßen betrieben. In Septfontaines habe ich trotzdem einen sehr schönen Campingplatz gefunden. Vor allem bietet die zugehörige Gaststätte Wiener Schnitzel an. Das habe ich mir nicht entgehen lassen.


Luxemburg – Wald­kirch

Mittwoch, 26. August, bis Freitag, 28. August 2009; 363 km

Weiter führt die Route in Richtung Metz durch mehr oder weniger malerische und hügelige Landschaften, teilweise sogar auf ausgewiesenen Radwegen. Das ändert sich ab Thionville. Dort treffe ich auf eine öde Industrielandschaft. Um dem starken Straßenverkehr zu entgehen radle ich an der Moselle entlang. Man hat mir gesagt, dass der Radweg nach ein paar Kilometer enden würde, dort aber ein Übergang über die Moselle zur Nationalstraße sei. So kommt es dann auch. Nur ist der Übergang der Aufenthaltsort einiger Jugendlicher. Um auf die andere Seite zu gelangen muss ich Rad und Gepäck getrennt hinübertragen. Ich war mir unsicher, wie die Jungendlichen darauf reagieren. Schließlich wäre es ein Leichtes für sie gewesen das z. B. Gepäck ins Wasser zu werfen, während ich das Rad hinüberbringe. Ich habe Glück und kann ohne Verluste weiterfahren.

Auf dem Campingplatz in Metz kann ich abends mein Zelt trocknen. Am Morgen musste ich es schon wieder klatschnass einpacken, da es in Septfontaines einfach nicht trocknen wollte. Auf diesem Campingplatz treffe ich nach langer Zeit wieder auf Radreisende, ein älteres Ehepaar aus Aachen und einen Mann, der am Verdon und in den Alpen war.

Heute ist ein herrlicher Sonnentag, die Strecke abwechslungsreich und die Steigungen für mich richtig dosiert. Fast hätte ich noch einen großen Fehler begangen. Ich fahre am Ufer des Marne-Rhein-Kanals entlang und will auf den Campingplatz bei Henridorff. Henridorff selbst liegt auf einer Anhöhe. Der übernächste Campingplatz in Saverne ist nur noch rund 15 km entfernt. Obwohl ich schon über 100 km gefahren bin, entschließe ich mich kurzfristig doch für den Platz in Saverne. Kurz nachdem ich den Abzweig nach Henridorff passiert habe, fahre ich überraschenderweise am Campingplatz Henridorff vorbei. Der liegt gar nicht auf der Anhöhe, sondern unten im Tal. Glück gehabt.


Fazit:

  • In Frankreich ist es kein Problem genau alle 100km einen Campingplatz zu finden.
  • Das Netz der Eurovelo-Radwege ist wenig ausgebaut und existiert hauptsächlich nur in den bekannten Touristenregionen.
  • Gleichmäßig weite Tagesetappen sind weit weniger anstrengend als ungleichmäßige bei gleicher Gesamtkilometerleistung.
  • Trampen mit Radreifen klappt immer.
  • Für derart lange Touren lohnt sich eine hochwertige Ausrüstung.
  • Das Befahren von Fluss- oder Kanalufern ist wegen fehlender Steigungen nach wenigen Tagen langweilig.